Als Hintertux noch zu Schmirn gehörte

08.09.2026

Wer heute vom hintersten Schmirntal über das Tuxer Joch Richtung Hintertux wandert, überschreitet ganz selbstverständlich die Grenze zwischen Wipptal und Zillertal. Vor 100 Jahren verlief diese Grenze jedoch noch anders: Bis 1926 gehörte Hintertux politisch zur Gemeinde Schmirn. 100 Jahre später erinnern beide Gemeinden an ihre besondere Geschichte und feiern gemeinsam am 25. September 2026 dieses historische Jubiläum.

Das Tuxer Joch als jahrhundertealte Verbindung

Über viele Jahrhunderte war das Tuxer Joch eine wichtige Verbindung zwischen zwei Tälern, deren gemeinsame Geschichte weit zurückreicht. Bereits lange vor unserer Zeitrechnung wurde das Tuxer Joch genutzt. Der Fund einer Bronzenadel weist darauf hin, dass Menschen den Übergang zwischen Wipptal und Zillertal bereits um etwa 1000 v. Chr. kannten. Später führten Waren- und Personenwege über das Joch und verbanden Hintertux unmittelbar mit dem Schmirntal. Seit 1811 war Schmirn eine selbstständige politische Gemeinde. Hintertux gehörte als Fraktion weiterhin dazu – bis zur Neuordnung im Jahr 1926.

Das Tuxerjochhaus um 1935 mit dem Hintertuxer Gletscher | © Archiv Gemeinde Hintertux
Das Tuxerjochhaus um 1935 mit dem Hintertuxer Gletscher

Als Butter und Verstorbene über die Berge getragen wurden

Wie rege die Verbindung tatsächlich war, zeigt eine Beschreibung aus dem 19. Jahrhundert. Der Reiseschriftsteller Ludwig Steub berichtete 1871 von einer Wanderung über das Tuxer Joch. Dort begegnete ihm ein Mädchen, das Butter von Hintertux nach Schmirn brachte. Noch eindrucksvoller ist seine Begegnung mit einem Ehepaar, das ihm erzählte, jährlich rund 130 Zentner Butter über das Tuxer Joch getragen zu haben. Die Tuxer Butter war im Wipptal gefragt und wurde sogar bis nach Innsbruck weiterverkauft. Schneestangen am Joch lassen darauf schließen, dass der Übergang nicht nur im Sommer, sondern teilweise auch im Winter genutzt wurde.

Eine weitere Geschichte zeigt ebenfalls eindrücklich, wie eng Hintertux früher mit dem Wipptal verbunden war: Über lange Zeit hatten die Hintertuxer ihre Begräbnisstätte in Mauern oberhalb von Steinach im Wipptal, weil es in Schmirn noch keine Kirche gab. Die Verstorbenen mussten dafür über das Tuxer Joch durch das gesamte Schmirntal gebracht werden. Vor allem im Winter war dieser Weg schwierig. War das Joch wegen der Schneelage nicht passierbar, konnte sich die Reise über Wochen oder Monate verzögern. In Obern beim „Steckholzer“ gab es eine Totenkammer, in der die Verstorbenen auf dem langen Weg nach Steinach über Nacht aufgebahrt wurden.

Kasern mit den letzten Höfen in Schmirn - hinten im Tal links geht es zum Tuxerjoch hinauf, der Kaserer war noch vergletschert (um 1950) | © Gabriela Eller
Kasern mit den letzten Höfen in Schmirn - hinten im Tal links geht es zum Tuxerjoch hinauf, der Kaserer war noch vergletschert (um 1950)

1926: Eine neue Gemeindegrenze entsteht

Hintertux 1927 bestehend aus einer kleinen Kirche und ein paar Höfen | © Archiv Gemeinde Hintertux
Hintertux 1927 bestehend aus einer kleinen Kirche und ein paar Höfen
Schmirn mit der Pfarrkirche und einigen alten Höfen | © Archiv Gemeinde Schmirn
Schmirn mit der Pfarrkirche und einigen alten Höfen

Die Trennung von Hintertux und Schmirn hatte vor allem praktische Gründe. Die Verbindung über das Tuxer Joch war lang und besonders im Winter beschwerlich. 1925 waren sich Vertreter von Schmirn und Hintertux einig, dass eine neue Zuordnung die Verwaltung erleichtern würde. Tux lag deutlich näher und war durch den Ausbau der Straße immer besser erreichbar.
Die entscheidenden Verhandlungen fanden am 21. Juli 1925 im Schutzhaus auf dem Tuxer Joch statt. Dabei wurde auch die neue Gemeindegrenze genau festgelegt. Sie sollte der bisherigen Weidegrenze zwischen Hintertux und Schmirn folgen – von der Grenze Navis–Schmirn entlang des Grates zum Tuxer Joch und von dort über Frauenwand, Ramsgrat und Kasererspitze bis zum Olperer. Damit wurde aus einer alten Weidegrenze jene Gemeindegrenze, die die beiden Orte fortan voneinander trennte. Auch Besitz, Wege und Verpflichtungen mussten neu geregelt werden: Grundstücke auf Schmirner Seite verblieben bei Schmirn, jene auf Hintertuxer Seite gingen an Tux. Ebenso wechselte das Heimatrecht der Hintertuxer von Schmirn zur Gemeinde Tux. Nach mehreren behördlichen Schritten fiel schließlich im März 1926 im Tiroler Landtag der entscheidende Beschluss zur Eingliederung Hintertux’ in den Gemeindeverband Tux.

100 Jahre später wird gemeinsam gefeiert

Genau 100 Jahre nach der Loslösung erinnern die Gemeinden Tux und Schmirn gemeinsam an ihre besondere Geschichte. Am Freitag, 25. September 2026, wird das Jubiläum „100 Jahre Hintertux bei Tux“ auf beiden Seiten des Tuxer Jochs gefeiert. Um 12.00 Uhr findet beim Tuxerjochhaus eine Bergmesse mit Pfarrer Edi Niederwieser statt. Im Anschluss gibt es eine Begrüßung der beiden Bürgermeister im Tuxerjochhaus mit "Essen wie vor 100 Jahren".

Seit der Loslösung Hintertux’ von Schmirn sind 100 Jahre vergangen. Ganz verschwunden ist die gemeinsame Geschichte nicht. Wer heute von Kasern im Schmirntal zum Tuxer Joch aufsteigt, kommt am sogenannten Abtrennungskreuz vorbei. Es erinnert an jene Zeit, als Hintertux noch Teil der Gemeinde Schmirn war. Die beiden Orte haben sich seither sehr unterschiedlich entwickelt, ihre gemeinsame Geschichte ist aber bis heute sichtbar. Seit 2019 verbindet außerdem ein Shared Trail über das Tuxer Joch die beiden Gemeinden für Wanderer und Mountainbiker auf direktem Weg. Dazwischen liegt noch immer dasselbe Tuxer Joch – und damit jener Übergang, der die Menschen auf beiden Seiten über Jahrhunderte miteinander verbunden hat. 

Quellen

  • Alpingeschichte kurz und bündig: St. Jodok, Schmirn- und Valsertal, Helga Beermeister, Österreichischer Alpenverein, 2016
  • Bergsteigerdörfer-Broschüre St. Jodok, Schmirn- und Valsertal, 4. aktualisierte Auflage, 2020
  • Protokoll vom 21. Juli 1925 zur Ausgemeindung der Fraktion Hintertux und Eingemeindung in Tux
  • Abschrift der Tiroler Landesregierung vom 30. Oktober 1925 sowie weitere historische Unterlagen und Jubiläumsmaterial der Gemeinden Schmirn und Tux
  • Fotos: Archiv der Gemeinde Hintertux

Weitere Blog Beiträge